Rheuma und Herzgesundheit:
Aktualisiert: 28. Aug.

Rheuma betrifft mehr als die Gelenke: Was du für dein Herz tun kannst
Wenn wir über Rheuma sprechen, denken die meisten Menschen zuerst an schmerzende, steife oder geschwollene Gelenke. Das ist verständlich. Gelenkbeschwerden sind spürbar und können den Alltag unmittelbar verändern.
Eine entzündlich-rheumatische Erkrankung kann jedoch mehr als den Bewegungsapparat betreffen. Die Entzündung spielt sich nicht ausschließlich in einem einzelnen Gelenk ab. Sie kann den gesamten Organismus beeinflussen – und damit auch Herz und Gefäße.
Genau darauf macht eine neue deutsche S3-Leitlinie aufmerksam. Sie wurde am 19. Juni 2026 veröffentlicht und trägt den Titel „Management kardiovaskulärer Komorbiditäten entzündlich-rheumatischer Erkrankungen“.
Das klingt zunächst kompliziert. Die Botschaft dahinter ist aber einfach:
Wer mit einer entzündlich-rheumatischen Erkrankung lebt, sollte nicht nur die Gelenke, sondern auch die Herzgesundheit im Blick behalten.
Das soll keine Angst machen. Im Gegenteil: Viele der relevanten Risikofaktoren lassen sich erkennen, behandeln oder zumindest günstig beeinflussen.
Warum kann das Herz-Kreislauf-Risiko erhöht sein?
Herz-Kreislauf-Erkrankungen entstehen meistens nicht durch eine einzige Ursache. Verschiedene Faktoren wirken zusammen.
Dazu gehören unter anderem:
Bluthochdruck
ungünstige Blutfettwerte
Diabetes
Rauchen
starkes Übergewicht
Bewegungsmangel
familiäre Vorbelastung
zunehmendes Alter
Bei entzündlich-rheumatischen Erkrankungen kommt ein weiterer möglicher Faktor hinzu: die chronische Entzündungsaktivität.
Entzündungsprozesse können die Gefäßgesundheit beeinflussen. Gleichzeitig bewegen sich manche Betroffene aufgrund von Schmerzen, Fatigue oder Bewegungseinschränkungen weniger. Auch bestimmte Medikamente müssen bei der Beurteilung des persönlichen Risikos berücksichtigt werden.
Das bedeutet nicht, dass jeder Mensch mit Rheuma automatisch eine Herz-Kreislauf-Erkrankung bekommt. Das persönliche Risiko hängt von der Erkrankung, ihrer Aktivität, den vorhandenen Begleiterkrankungen, der Behandlung und den klassischen Risikofaktoren ab.
Die neue Leitlinie fordert deshalb keine pauschale Beurteilung, sondern einen strukturierten Blick auf den einzelnen Menschen.
Was ist an der neuen Leitlinie wichtig?
Die Deutsche Gesellschaft für Rheumatologie und Klinische Immunologie betont, dass Herz-Kreislauf-Risiken bei Menschen mit entzündlich-rheumatischen Erkrankungen im Versorgungsalltag noch nicht immer ausreichend erfasst werden.
Blutdruck, Blutfette, Diabetes, Rauchen, Gewicht und weitere persönliche Risikofaktoren sollen regelmäßig berücksichtigt werden. Gleichzeitig bleibt eine möglichst gute Kontrolle der rheumatischen Entzündungsaktivität wichtig.
Denn es reicht nicht, ausschließlich einen erhöhten Blutdruck zu behandeln und die Entzündung außer Acht zu lassen. Umgekehrt genügt es ebenfalls nicht, nur die Gelenkentzündung zu kontrollieren und die klassischen Herz-Kreislauf-Risiken zu übersehen.
Beides gehört zusammen.
Auch die europäische Fachgesellschaft EULAR empfiehlt eine regelmäßige Erfassung und Behandlung beeinflussbarer Herz-Kreislauf-Risiken bei Menschen mit rheumatischen Erkrankungen. Dabei wird ausdrücklich darauf hingewiesen, dass die wissenschaftliche Evidenz nicht bei allen rheumatischen Erkrankungen und allen Einzelfragen gleich stark ist.
Das ist ein wichtiger Unterschied: Eine Leitlinie ist keine Garantie und kein starrer Behandlungsplan. Sie fasst die bestmögliche verfügbare Evidenz und das Fachwissen verschiedener Berufsgruppen zusammen.
Entzündungskontrolle ist auch Vorsorge
Ich schreibe häufig darüber, was wir neben der Medizin selbst tun können. Dabei darf jedoch ein Punkt nicht untergehen: Eine gut eingestellte medizinische Behandlung ist bei entzündlich-rheumatischen Erkrankungen ein wesentlicher Teil der Vorsorge.
Eine anhaltend hohe Krankheitsaktivität kann nicht durch Olivenöl, einen Spaziergang oder Atemübungen ausgeglichen werden. Diese Dinge können wertvolle Bestandteile eines gesunden Alltags sein – sie ersetzen aber keine notwendige Basistherapie.
Medikamente sollten deshalb niemals eigenmächtig reduziert, verändert oder abgesetzt werden.
Die neue S3-Leitlinie betrachtet auch Medikamente unter Herz-Kreislauf-Gesichtspunkten. Glukokortikoide wie Cortison und nichtsteroidale Antirheumatika sollen nach der Zusammenfassung der DGRh möglichst niedrig dosiert und so kurz wie medizinisch möglich eingesetzt werden.
Das ist jedoch eine ärztliche Entscheidung. Wer Cortison, Schmerzmittel, ein DMARD, Biologikum oder einen JAK-Inhibitor einnimmt, sollte Änderungen immer mit der behandelnden Ärztin oder dem behandelnden Arzt besprechen.
Kenne deine persönlichen Werte
Man kann einen erhöhten Blutdruck oder veränderte Blutfettwerte nicht zuverlässig fühlen. Auch ein gestörter Zuckerstoffwechsel verursacht anfangs häufig keine eindeutigen Beschwerden.
Deshalb ist es sinnvoll, die eigenen Werte zu kennen.
Dazu können – abhängig von Alter, Erkrankung und persönlicher Situation – unter anderem gehören:
Blutdruck
Blutfette
Blutzucker beziehungsweise HbA1c
Gewicht und Bauchumfang
Entzündungsaktivität
Familiengeschichte
Rauchstatus
bisherige Herz-Kreislauf-Erkrankungen
Diese Werte sollten nicht isoliert interpretiert werden. Ein einzelner Laborwert erzählt nie die ganze Geschichte. Gerade bei aktiver Entzündung kann die Beurteilung des Fettstoffwechsels komplexer sein.
Eine Untersuchung aus dem Jahr 2025 mit 1.802 neu diagnostizierten Menschen mit rheumatoider Arthritis zeigte erneut, wie eng klassische Risikofaktoren und Entzündung zusammenhängen. In dieser Beobachtungsstudie waren unter anderem Rauchen und Diabetes mit einem höheren Auftreten von Herz-Kreislauf-Erkrankungen verbunden. Gleichzeitig zeigte sich, dass Entzündungsaktivität die Interpretation von Blutfetten beeinflussen kann.
Die richtige Schlussfolgerung lautet daher nicht: „Ein bestimmter Wert ist gut oder schlecht.“ Sie lautet: „Lass dein Gesamtrisiko fachlich beurteilen.“
weiter Hinweise in meinem neuen Buch: RHEUMA: DIE MACHT DES MACHBAREN
Medizinischer Hinweis
Dieser Beitrag vermittelt allgemeine Informationen, persönliche Erfahrungen und praktische Anregungen. Er ersetzt keine individuelle ärztliche Diagnose, Untersuchung oder Behandlung. Medikamente – insbesondere Rheumamedikamente, Cortison, Schmerzmittel, Blutdrucksenker, Gerinnungshemmer und Cholesterinsenker – dürfen nicht aufgrund dieses Beitrags begonnen, verändert oder abgesetzt werden. Bei Brustschmerz, Atemnot, Lähmungserscheinungen, Sprachstörungen oder anderen akuten Warnzeichen ist unverzüglich medizinische Hilfe erforderlich.
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